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Analyse des Fangesangs „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“

30.04.16 in Aus aktuellem Anlass

Dr. Robert Feustel, Universität Leipzig
April 2016

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Fußballsprüche und Fangesänge haben unterschiedliche Ziele. Sie können zur Motivation des eigenen Teams dienen, zum Frustabbau, um die eigene Nervosität zu kanalisieren, sich über sich selbst zu amüsieren oder um die Spieler und die Fans der gegnerischen Mannschaft zu verhöhnen. Letzteres kann in verschiedenen Facetten auftreten, von verspielt ironisch bis politisch boshaft, abwertend und verletzend. Überzeichnungen und Absurditäten gehören dazu, und oft ist die Grenze zur unangemessenen Beleidigung fließend. Der Gesang oder Ausspruch „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ gehört aus verschiedenen Gründen in die Rubrik politisch diskriminierender Verhöhnung.

1. Sachlich ist der Spruch selbstverständlich falsch, weil nicht alle Deutschen Leutzscher sind. Solche Unsachlichkeiten gibt es allerdings in sehr vielen Gesängen und erlauben daher keine Einordnung bzw. entlasten nicht. Niemand würde bezweifeln, dass es verwerflich wäre, andere Fans als Arschlöcher oder Hurensöhne zu betiteln, selbst wenn die Beschimpfung sachlich nicht treffend ist. Der Spruch fällt auch nicht in die Kategorie überzeichnet-ironisch wie der bekannte Schmähgesang „Alle Bullen sind Schweine“. In diesem Fall haben wir es mit einem Wortspiel zu tun, das sich deutlich jeder Realität enthebt und daher keine Rückschlüsse auf die Individuen der gegnerischen Fans zulässt. Dass nur Leutzscher Deutsche sind, arbeitet dagegen mit einem realen Kern, mit einer Diktion also, die möglich wäre, anders als im Fall der Schweine.

2. Die grammatikalische Struktur des Spruchs lässt seine logische Umkehrung zu bzw. bringt sie unweigerlich mit sich: Die Aussage „nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ impliziert zwingend, dass alle Leutzscher Deutsche sind. Ein analoges Beispiel verdeutlicht diesen Zusammenhang: „Nur ein Leutzscher ist ein Superfan“ meint zwingend auch, dass alle Leutzscher Superfans sind. Die Semantik des Wortes „ist“ schafft eine Deckungsgleichheit zwischen dem einen und dem anderen Nomen – nach dem Modus a = b (also auch b = a). Daraus folgt, dass der Fangesang einen expliziten Ausschluss Nichtdeutscher aus der Fankurve der BSG Chemie Leipzig mitbringt.

3. Verschärfend kommt hinzu, dass „Deutscher“ eine bindende Kategorie darstellt. Sie ist nicht vom Verhalten des Einzelnen abhängig, sondern adressiert eine vorgelagerte, quasinatürliche Eigenschaft. Der Ausschluss (und die gleichzeitige Überhöhung der eigenen Gruppe), den der Gesang kommuniziert, ist also unhintergehbar, weil er abhängig von einem Status ist, an dem nicht gerüttelt werden kann. Das Nomen „Deutscher“ kann zwar vieles umfassen – von einer sachlichen Staatszugehörigkeit bis zur völkisch-nationalistischen Blutsverwandtschaft. Im Rahmen eines Fangesangs allerdings ist davon auszugehen, dass eine sachliche, weniger emotionale Kategorie nicht gemeint sein dürfte. Die Emotionalität des Schlachtrufs schließt eine formale Kategorie an dieser Stelle aus. Die Eigenzuschreibung „Deutscher“ wird als Selbstbezeichnung und überaus positiv besetzte „Eigenschaft“ angesprochen. Damit findet nicht nur eine Selbstwertsteigerung der eigenen Gruppe statt, sondern es werden auch soziale Hierarchien legitimiert, also die Abwertung und die Minderwertigkeit von anderen Gruppen. Das fokussierende „nur“ schließt automatisch alle Nichtleutzscher von dieser positiv konnotierten Eigenschaft aus. Der Gesang dient offensichtlich dem Selbstlob und betont den eigenen Nationalstolz – als Leutzscher und als Deutscher. Das allerdings heißt, dass das Wort „Deutscher“ einen nationalistischen Charakter hat und damit wenig harmlos daherkommt. Es rekurriert unverhohlen auf gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und stellt sich damit gegen alle Nichtdeutschen. Nationalstolz und Nationalismus gehen Hand in Hand mit abwertenden Einstellungen und Diskriminierung gegenüber Menschen anderer Gruppenzugehörigkeiten (etwa gegenüber Schwarzen, Muslimen, Migranten, Flüchtlingen).

Für die Fanbasis der BSG Chemie Leipzig ist es folglich unschön und nicht förderlich, einen solchen ausschließenden Spruch im Stadion zu tolerieren. Auch der Rückgriff auf Tradition rettet den Spruch nicht, weil er, anders als etwa einige Auer Gesänge zum Bergbau, keine spezifisch historische Kontur trägt. Nur weil ein Spruch schon einige Jahre alt ist, heißt das nicht, dass er damit auch historisch, identitätsstiftend und legitim sei. Wenn ausschließlich das Alter von Aussprüchen oder Gesängen ihre Legitimation fundieren würde, losgelöst vom politischen Gehalt, kämen wir in große Schwierigkeiten.

Auch vereinstaktisch wäre es kontraproduktiv, einen solchen Gesang im Stadion zuzulassen und als harmlose Tradition zu charakterisieren. Von der Aggressivität des Spruchs, der um seinen ausschließenden Charakter keinen Hehl macht, fühlen sich – besonders in einer vielfältigen Stadt wie Leipzig – nur wenige nationalstolze Personen angesprochen. Gleichzeitig schreckt er liberalere Fans ebenso ab wie Menschen mit Migrationshintergrund. Gerade der Vereinsfußball, dessen Fanidentität einer außergewöhnlichen Dopplung von unbedingter Zugehörigkeit und Kontingenz folgt, verträgt keinen Rückgriff auf nationale Abgrenzungen. Kurz: Wenn der Gesang „Nur ein Leutzscher ist ein Deutscher“ im Stadion erneut und wiederholt zu hören sein sollte, wird dies bei einer deutlichen Mehrheit von Leipzigerinnen und Leipzigern zu einem Befremden führen und sie vom Verein distanzieren. Vereinszugehörigkeit und Fankultur basieren auf einer freiwilligen Bindung, die den anderen Fan vielleicht verhöhnt, ihn aber dennoch anerkennt und wertschätzt. Schließlich wären Fußball- und Fankultur nichts ohne den anderen Verein, die anderen Fans. Nationale, als quasinatürlich vorgestellte Grenzen konterkarieren diese Struktur und würden, wenn sie im Stadion Raum greifen, die Fanidentität untergraben.