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Offener Brief zur aktuellen Diskussion der BSG Chemie Leipzig

26.03.16 in Aus aktuellem Anlass

Chemie Leipzig Herrengedeck

Sehr geehrter Vorstand, sehr geehrter Aufsichtsrat,

als Fanclub Herrengedeck – Früher waren wir politisch. leisten wir nicht mehr für Chemie, als im Familienblock rumzustehen, Bier & Sekt zu kippen sowie unsere Mannschaft nach vorn zu brüllen. Wir wissen: Die ganze Arbeit liegt bei Euch. Unser Respekt hält uns aber nicht davon ab, trotzdem deutliche Kritik zu üben.

In den vergangenen Tagen ist eine Diskussion im Verein entstanden, die uns am eingeschlagenen Weg der BSG Chemie zweifeln lässt. Um genau zu sein, empfinden wir das von offiziellen Vereinsmitteilungen flankierte Für und Wider um den Schlachtruf “Nur ein Leutzscher …” als vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung, bei der geschätzte Grundlagen des Vereins sukzessiv über Bord zu gehen scheinen: Alles für den Aufstieg, alles für die Leutzscher Einheit?

Inzwischen geht die Entwicklung offenbar sogar soweit, dass ein schon immer (auch in DDR-Zeiten) von mindestens rechtsoffener Klientel genutzter und keineswegs missverständlicher Schlachtruf wieder ernsthaft diskutiert wird – offenbar um ja keinen Alt-Fan zu vergraulen. Anstatt klipp und klar zu sagen: (Gebrüllter) Nationalismus hat bei Chemie Leipzig keinen Platz, wird “Nur ein Leutzscher …” sogar in offiziellen Vereinsstellungnahmen als irgendwie traditionell, nur eben nicht mehr zeitgemäß verharmlost. Es heißt, ein kleiner Teil der Fans wolle zwar provozieren, für den anderen (älteren) Teil sei die Aufregung allerdings gar nicht nachzuvollziehen.

Für uns ist diese Relativierung nicht nachvollziehbar. Eine solche Haltung gegenüber nationalistischen Schlachtrufen war bei der (neuen) BSG Chemie Leipzig bisher absolut undenkbar. Und das ist – um es mit aller Deutlichkeit zu sagen – ein sehr wichtiger Grund für uns, warum wir zu Chemie Leipzig gehen. Wir wollen nicht mit rechten Spinnern und Menschen, die diese feixend tolerieren, im Block stehen, nur weil das früher beim FC Sachsen oder bei der alten BSG so üblich war. Solche Traditionen wurden bei Chemie Leipzig in den vergangenen Jahren zurecht rigoros abgelehnt. Warum ist das jetzt anders?

Uns ist klar, die BSG Chemie soll ein Verein für alle sein. Offenbar auch für diejenigen, die Chemie lange Zeit mit allen Mitteln zu verhindern versuchten und die als Fans der SG Leutzsch auch das Bild eines für rechtsradikale Fans offenen Leutzscher Fußballs kultivierten. Wir haben mit Unbehagen zur Kenntnis genommen, dass mindestens ein Teil der SGL-Anhänger jetzt wieder auf dem Dammsitz neuen Platz gefunden hat. Wir werden aber keineswegs akzeptieren, dass sie dort auch wieder ihre nationalistischen, rassistischen und homophoben Parolen brüllen dürfen.

Um es kurz zu machen: Wir fordern Vorstand und Aufsichtsrat auf, endlich wieder absolut unmissverständlich gegen solche Auswüchse im Stadion Stellung zu beziehen. Klare Ablehnung von jeglichem Nationalismus und Diskriminierung ist keine politische Meinungsäußerung. Es ist gesellschaftlicher Grundkonsens und auch Teil des Vereinsleitbildes.

Darüber hinaus wünschen wir uns eine Erklärung, warum unser Stadionsprecher entlassen wurde – kurz nachdem er von Befürwortern des “Nur ein Leutzscher …”-Schlachtrufes in Netzdiskursen kritisiert wurde. Wir haben Herrn Salzmann gerade auch aufgrund seiner klaren Haltung gegen rechte Parolen bisher sehr geschätzt.

Mit freundlichen Grüßen,
Fanclub Herrengedeck – Früher waren wir politisch.